THIS IS #1 - ACT ONE: LOSS

”Viel Spaß in der Schule, Josh. Hör nicht auf die Anderen, du weißt ganz genau, dass dein Daddy stolz auf dich ist”. Er gab mir einen Kuss und stieg dann in den Schulbus. Ich setzte mich noch einen Moment unter das Dach der schützenden Bushalte. Es regnete. Hoffentlich verliert er nicht wieder seinen Regenschirm.

Mein Name ist Samuel, ich bin 37 Jahre alt und Vater eines sechsjährigen Sohnes. Meine große Liebe Kathryn starb bei der Geburt von Josh. Mit erst 29 Jahren. Sie war das genaue Gegenteil von mir und doch war sie mein Ein und Alles. Sie kam aus gutem Hause. Der Vater Bankier, die Mutter gelernte Sekretärin. Sie wohnte zusammen mit ihren Eltern auf dem Land, bis wir uns kennenlernten. Kathryn liebte Kinder, sie arbeitete als Erzieherin und wünschte sich immer ein eigenes Kind. Josh.

Es hörte auf zu Regnen und ich ging los um noch ein Paar Einkäufe zu erledigen. Zum Glück hatte ich an diesem Tag frei, sonst hätte ich es wieder nicht geschafft. Ravioli, Josh liebt Ravioli und so wusste ich direkt, wo mich mein erster Weg im Supermarkt hinführt. “Hallo Samuel”, ein junges Mädchen mit roten Haaren und großer Brille kam auf mich zu. “Oh, Hey Christi, wie geht es dir?” ich grüßte das junge Mädchen. “Ich habe heute eine Absage von der Universität bekommen”, ihre Augen wurden wässerig. Ich drückte das zitternde Mädchen “Kopf hoch Christi, lass dich davon nicht von deinen Träumen abhalten, jeder bekommt mal eine Absage und außerdem gibt es genug Anlaufstellen in dieser Stadt”.

Ja, in dieser gottverdammten Stadt gibt es genug Schulen, Institute und Bildungswerke, doch die Menschen in ihr haben sich längst aufgegeben, brechen die Schule ab und leben von Sozialhilfe.

“Danke, Samuel, danke dass du immer so nett zu mir bist” Christie hatte sich beruhigt. “Gehst du heute mit Jackson wieder ins Fitnessstudio, soll ich auf Josh aufpassen?” fragte mich das Mädchen, dass für ihr Alter schon so selbstständig war. “Nein danke, ich habe heute frei und möchte ganz für den Kleinen da sein”. Chrisitie nickte und sagte, dass sie noch etwas für die Schule zu erledigen hätte. Als sie ging drehte sie sich noch einmal um. “Samuel, du bist ein guter Vater”.

Ich legte noch die üblichen Sachen in den Einkaufswagen und ging zur Kasse. Als ich dann vollbepackt vor dem Laden stand schaute ich auf mein Armbanduhr, die auch schon bessere Tage gesehen hatte: 10:51 Uhr. Mist, die Straßenbahn kommt immer um Viertel nach oder um Viertel vor. Ich setzte mich auf eine Bank und wartete dort auf meine Linie.

Josh. Er ist jetzt 6 Jahre alt und kann immer noch nicht richtig sprechen. Die Lehrerin sagt, dass er nur wenige Freunde hat und dass ihm der Kontakt zu anderen Schülern schwer fallen würde. Lediglich bei Christie blüht er auf. Ich denke, dass die beiden sich deshalb so gut verstehen, weil sie sich so ähnlich sind.

Die Straßenbahn kam pünktlich und so habe ich doch noch den Bogen bekommen. Um halb zwei holte ich Josh dann wieder von der Bushalte ab. “Hallo mein Großer, wie war die Schule?”. Er nickte. Die Schule war wie immer. “Essen wir heute Ravioli?”, er schaute mich mit seinen großen blauen Augen an. Kathryn’s Augen. “Ja klar, ich habe heute morgen extra welche gekauft”. Er lachte, ich lachte mit ihm und zusammen gingen wir nach Hause.

Josh liebt Ravioli, wenn es nach ihm gehen würde, würden wir jeden Tag Ravioli essen und ich würde sie ihm zur Liebe auch machen. “Wollen wir heute noch etwas zusammen unternehmen?” fragte ich meinen kleinen Jungen. “Nein Daddy, ich möchte heute Zuhause bleiben und noch etwas Nintendo spielen”. Seinen Nintendo liebte er eben so gern wie Ravioli und Musik, er war keines der Kinder, die immer die neuesten Spiele brauchten, er gab sich im Jahr mit zwei, drei Spielen zufrieden und so konnten wir zum Beispiel in den Zoo gehen oder einen Freizeitpark besuchen. Ich tat alles für meinen Sohn.

“Josh, ich muss morgen wieder arbeiten gehen. Das heißt, dass ich dich zwar zum Bus bringen kann, du aber von Christie abgeholt wirst und bei ihr den Mittag verbringst. Am Abend hole ich dann ab”. Josh nickte.

Und so verging mein freier Tag mit Josh, wir hörten noch Bruce Springsteen und dann brachte ich ihn um Acht ins Bett.

“Aufstehen, du kommst zu spät zur Schule!” ich klopfte zum dritten Mal an seine Zimmertür. Es war an manchen Tagen echt schwer, Josh aus dem Bett zu bekommen. An diesem Tag war es mal wieder soweit. “Ich komme ja schon” sagte er mit verträumter Stimme. An diesem Morgen mussten wir zwar alles etwas schneller erledigen als sonst aber Josh bekam noch rechtzeitig den Schulbus.

Ich fahre morgens mit der U-Bahn ins Büro. Meine Aufgabe ist es, all das zu archivieren und zu dokumentieren, wozu meinem Chef, Mr. Ferrington, die Zeit fehlt.

“Hey Samuel, wo warst du gestern?” ein kleiner, dicklicher, schwarzer Mann kam auf mich zu. “Jackson, was meinst du?” antwortete ich völlig verdutzt. “Na, ich war doch gestern in diesem Club und ich habe meinen besten Kumpel und Kollegen vermisst”. ”Du hattest bestimmt auch ohne mich genug Spaß”.

Jackson ist der Auffassung, dass ich zu wenig rausgehe und mir wieder eine Frau suchen sollte. Meine Auffassung ist jedoch, mich so gut wie möglich um meinen Sohn zu kümmern und ihn zu einem rechtschaffenen Menschen zu erziehen. Nichts und Niemand soll zwischen mir und meinem Sohn stehen.

“Naja, dank der oberflächlichen Frauen wurde ich von den Security-Bullen rausgeschmissen”. ”WAS?” ich schaute noch immer verdutzt.

Jackson ist immer sehr “offensiv”, was das Baggern betrifft und so hatte ihn auch diesmal seine große Klappe wieder aus dem Club befördert. Ich weiß echt nicht mehr, wo ich mich mit ihm noch blicken lassen kann.

“Kommst du heute nach der Arbeit mit ins Fitnessstudio?” fragte mich mein Kumpel. “Klar, Christie ist so nett, auf Josh aufzupassen”. “Ich habe dir doch schon einmal gesagt, dass es dem Kleinen nicht schaden würde, wenn du ihn einfach mit ins Fitnessstudio nimmst”.

Er war doch wirklich der Meinung, dass es in einer Stadt wie dieser üblich wäre, seinen 6-jährigen Sohn mit ins Fitnessstudio zu nehmen. Ich ging nicht weiter darauf ein und so fuhren wir mit einer völlig überfüllten U-Bahn zur Arbeit.

Auf der Arbeit musste ich mir wieder das launische Verhalten von Mr. Ferrington antuen. In der Kollegschaft munkelt man, dass er und seine Frau schon lange getrennte Wege gehen und nur noch zusammen leben, um den Schein zu wahren. Er ist ähnlich wie Jackson ein Macho und fährt einen dicken 5er BMW, um allen zu zeigen, wer der Boss ist.

“Samuel, wo ist der Ordner für die Mietrechnungen?” schrie er mich mit feuerrotem Kopf an. “In Ihrem Schrank, oben rechts” antwortete ich freundlich, um seinen Zorn nicht auf mich zu lenken.

Und so ging das noch weitere sieben Stunden. Nach so einem Arbeitstag freute ich mich immer auf den Besuch im Fitnessstudio, zusammen mit Jackson. Während er, mit mehr oder weniger viel Erfolg versuchte, sich einen Six-Pack für die Frauen anzutrainieren, betrieb ich Ausdauertraining auf dem Laufband. Wir waren meistens Mittwoch abends für eine Stunde dort und tauschten uns über alles mögliche aus.

“Wir sehen uns morgen wieder, Samuel”.

Ich holte meinen kleinen Josh ab und gab Christie ihren Lohn. Wenn mein Sohn bei Christie war, war er immer total müde und so schleif er sofort ein.

Und so vergingen die schönen Sommertage und der Winter nahte. Josh liebte es im Schnee zu tollen und so bauten wir in den Schulferien nahezu täglich einen Schneemann oder machten eine Schneeballschlacht. Ich hatte mir extra meine Urlaubstage angehäuft, damit ich diese Zeit mit meinem Sohn verbringen konnte. Abends, wenn wir beide vom Herumtollen völlig geschafft waren, legten wir uns vor den Fernseher und schauten noch ein paar Weihnachtsfilme.

An Heiligabend kam Christie kurz vorbei, um mir ihr Geschenk für Josh zu geben. Das machte sie seit jeher und ich war immer völlig beeindruckt, was sie meinem kleinen Josh schenkte. Als er vier Jahre alt war schenkte sie ihm eine Ritterburg, mit der er noch heute spielt. Oft habe ich ihr gesagt, dass sie das nicht machen soll aber sie sagt immer, dass Josh und sie Freunde seien und man das so machen würde.

Traditionell essen wir vor der Bescherung ein Hähnchen, da wir zwei nicht mehr schaffen. Josh drängte anschließend, wie jedes Jahr, seine Päckchen aufmachen zu dürfen und schließlich ließ ich ihn.

“Und Josh, was hat dir Christie dieses Jahr geschenkt?”

“Daddy sieh nur, Christie hat mir einen CD-Player geschenkt” er lächelte bis über beide Ohren.

Ich freute mich so, dass Josh so glücklich war aber auf der anderen Seite dachte darüber nach, wie es wohl wäre, wenn Kathryn noch bei uns wäre…

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“Samuel beruhig dich!”

“Ich kann mich nicht beruhigen”

“Wenn Sie sich nicht beruhigen, muss ich das Sicherheitspersonal rufen”

Der Doktor kam aus dem Saal: “Es tut mir leid Mister, wir haben ihren Sohn verloren”

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