#2 ROOMS - Zwei Welten

- KW 22, Sonntag -
“Wir beklagen heute den tragischen Tod eines jungen Mädchens. Jessica, du warst ein aufrichtiges, liebenswertes Kind. Wir werden dich niemals vergessen.”
Hinten in der kleinen Kirche schrie eine Frau auf. Es war ein kalter, trostloser Sonntagmorgen. Der Nebel war an diesem Tag besonders schwer und mancher Kopf sah nicht so aus, als wäre er gewaschen worden. Als die Trauerfeier ihr Ende fand, wurde der Sarg in sein Grab gelassen. Monica und Frank standen dort. Ein Häufchen Elend, was mit ansehen musste, wie sich ihre geliebte Tochter selbst in den Tod trieb.
Der Pfarrer sprach: “Mögest du in Frieden ruhen”.
Unter dem leisen Weinen und Wimmern der Anwesenden wurde der Sarg in seine ewige Ruhestätte hinabgelassen.
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- KW 21, Freitag -
Als die von allen angesehene Patricia in den Schulbus stieg, ging ein leises Murmeln umher. Mit ihren 16 Jahren hatte dieses Mädchen einfach alles: Louis Vuitton, iPhone, glänzenden Schmuck und die Pille. Patricia zeigte gerne, dass ihre Eltern es zu etwas gebracht hatten und an den Rand dieser verdammten Stadt ziehen konnten, an dem sich die obere Mittelschicht der Gesellschaft niedergelassen hat.
Patricia sah den morgendlichen Weg in die hinterste Reihe des Schulbusses als ihren großen Moment an. Es waren zwar nicht die Bretter, die die Welt bedeuteten, doch man konnte sagen, dass es die Bretter waren, die das Überleben in der Highschool sicherten.
Es waren die Bretter, die erst vorletzte Woche endgültig unter den Füßen einer Mitschülerin einbrachen.
<no_signal>
“Hey Patricia, hast du schon gehört?” rief eine grelle Stimme.
Es war die Stimme von Rebecca, einem ebenfalls stark aufgemotzten Mädchen, das offensichtlich dachte, mit dem vielem Make-Up ihre persönliche Baustelle namens Gesicht zu verschönern. In diesem klaffte nämlich eine riesige Zahnspange. Doch Rebecca war deshalb nicht unbeliebt, ganz im Gegenteil, viele ihrer Mitschüler blickten zu ihr hinauf, denn sie war die rechte Hand Patricia’s, der sie beim Kotzen das Haar hielt.
Die Lichtgestalt der Highschool setzte sich in die Mitte der letzten Busreihe. Es war der Platz, der von allen am begehrtesten war und doch wusste jeder, dass genau dieser Platz immer im Besitz einer bleiben würde. Patricia.
“Was soll ich denn gehört haben?” fragte sie und tat so als würde sie ihrer Freundin Rebecca ein Küsschen geben.
“Na das von Jessica, sie hat sich umgebracht. Vor dem Computer die Pulsadern aufgeschlitzt.” Rebecca’s Gesicht nahm eine angeekelte Optik an.
“Auf Dwayne’s Blog standen fürchterliche Dinge. Die ganze Tastatur soll voller Blut gewesen sein und als es immer mehr wurde, lief es auf den Boden”
Dwayne war der Nerd in der Highschool. Man könnte annehmen, dass er oft dafür verprügelt worden wäre, doch dem war nicht so. Der moppelige Junge mit den vielen Pickeln hatte einen Blog erstellt, der die ganzen Geschehnisse der Schule dokumentierte und so seine Leser mit etlichen Gerüchten und Skandalen von der Schultoilette berichtete. Schon bald erkannte Patricia eine potenzielle Gefahr in dem Blogger und so schlossen die beiden einen Deal. Dank diesem Deal wurde der vermeintliche Außenseiter zu Patricia’s zweiten rechten Hand (sie nannte ihn auch, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, ihre linke Hand). Dwayne als Komponente für ihr Netzwerk machte sie noch einflussreicher und mächtiger.
“Was, ist das dein ernst?”
Wären die Kinder im Schulbus etwas älter gewesen, hätten sie anhand dieser Aussage schon merken können, wie falsch Patricia eigentlich war.
“Erzähl mehr!”
Die Neugierde wirkte sich auf das komplette Barbie-Gesicht aus. Patricia ähnelte zunehmend einem Drachen.
“Naja, Dwayne hat ein Foto hochgeladen, welches die vermeintliche Leiche von Jessica zeigen soll, als die Rettungssanitäter sie aus dem Haus getragen haben”
Man sah Rebecca das Grauen an, welches sich mit den letzten Worten in ihrem Körper ausbreitete.
Patricia zückte ihr iPhone aus der Louis Vuitton-Tasche, um sich selbst davon zu überzeugen. Tatsächlich, Dwayne hatte am späten Donnerstag ein Bild veröffentlicht, dass eine Trage mit einem offenbar steifen Körper zeigte.
Normale Menschen hätten bei einem solchen Anblick sofort weggeklickt, geschrien oder sogar geweint, doch die Schüler der letzten Reihe waren nicht normal. Sie waren das Gift, dass ein junges Mädchen betäubte. Betäubte durch ihre unfassbare Grausamkeit.
- KW 21, Montag -
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<moonlight_gurl>: “Hey Kitty, wie geht’s?”
Mein Name ist Jessica und ich bin 16 Jahre alt. Ich besuche eine Schule am Rande dieser Stadt. Meine Eltern konnten mir ein Leben in dieser schönen Siedlung ermöglichen und doch weiß ich, dass in dieser grausamen Stadt schon viel Leid geschehen ist. Manche verfluchen sie. Auch ich fühle mich nicht wohl hier. Ich habe keine Freunde in der Schule, weil ich so still bin. Manchmal zeigen meine Mitschüler auf mich und lachen dann. Ich habe jetzt noch drei Jahre vor mir, bis ich mit der Schule fertig bin und ich hoffe, dass ich das noch schaffe. Ich muss es schaffen.
<KittyCat>: “Hallo moonlight, danke, mir geht es gut”
Ich wusste, dass mich moonlight_gurl durchschauen würde und dieser Verdacht sollte sich bestätigen.
<moonlight_gurl>: “Haben wir nicht gesagt, dass wir hier ehrlich zueinander sind?!”
Ich wurde etwas rot. Zum Glück konnte das niemand sehen. Wir vier chatteten immer ohne Web-Cam. Wir vier, das waren ich alias KittyCat, Avian, moonlight_gurl und Star_Archer18. Wenn letzterer online kam, wurde mir immer etwas warm und ich merkte, wie meine Atmung schneller wurde. Er war der Älteste von uns und zwei Jahre älter als ich. Avian, der immer einen Scherz auf Lager hatte war 17 und moonlight_gurl, so wie ich, 16 Jahre alt.
<KittyCat>: “Tut mir leid, ich versuche nur, das alles wieder zu verdrängen”
<user Avian logged_in>
<moonlight_gurl>: “Hey Avian”
<Avian>: “Hey Mädels, alles fit?”
Avian war der Kumpel-Typ er sprach gerne dummes Zeug, meinte es aber nie wirklich so, wie man vielleicht dachte. Ich war einfach nur glücklich, dass ich Freunde gefunden hatte, die mich so nahmen, wie ich bin und nicht von oben auf mich herabblickten, wie Patricia und ihre Freunde. Patricia, ich musste wieder an die Schule denken. An die Beleidigungen und Gemeinheiten, die man mir angetan hatte. Ich wollte meine Eltern damit nicht belasten, die hatten schon genug um die Ohren.
Ich war nun seit zwei Wochen regelmäßig in dem Chat, dessen Link eines Morgens in meinem eMail-Fach lag.
“Suchen Sie nette Menschen, die die selben Interessen mit Ihnen teilen? Dann melden Sie sich noch heute auf friends4ever.com an. Sie werden nicht mehr ohne Ihre neuen Freunde leben wollen.”
Die Website war wunderschön gestaltet, mit japanischen Comic-Figuren und Pokémon, so fühlte ich mich direkt wohl. Meine Mitschüler hänselten mich oft dafür, dass ich auf diese ganzen japanischen Sachen stand und mein Erspartes für Comics und Videospiele ausgab. Doch auf friends4ever.com fand ich Gleichgesinnte. Freunde.
<moonlight_gurl>: “Kitty hatte wieder Ärger in der Schule”
<Avian>: “Sag bloß, es war wieder diese Patricia. Was hat sie dir angetan?”
<KittyCat>: “Naja…”
<moonlight_gurl>: “Sag schon, was hat man dir angetan?”
Ich merkte, wie mir die ersten Tränen über die Wangen liefen. Als ich am Morgen in der Schule auf der Mädchentoilette war, um mir die Hände zu waschen, kamen Patricia und Rebecca hinein, um heimlich eine Zigarette zu rauchen.
“Na, wen haben wir denn da?” ertönte Rebecca’s grelle Stimme, welche so durchdringend war, dass man sie bestimmt noch im Flur hören konnte.
“Ist das nicht unsere kleine Miss Piggy?”
Patricia hatte mich schon seit der Grundschule als fett bezeichnet und die ständige Kritik an meiner Figur hatte schon dazu geführt, dass ich mich selbst immer unansehnlicher fand.
Ich wollte zur Tür hinaus, doch Rebecca versperrte mir den Weg. Währenddessen zündete sich Patricia eine Zigarette an, zog ein paar mal daran und blickte kurz zu ihrer rechten Hand.
Rebecca packte mich brutal am Hals und knallte meinen Kopf gegen eine der Toilettenkabinen. Ich spürte, wie warmes Blut an meiner Stirn hinablief. Sie streifte mir mein Oberteil ab, so dass mein Rücken freigelegt war. Ich hatte schon viele körperliche Übergriffe meiner Mitschüler ertragen müssen aber diesen Moment werde ich niemals vergessen. Die Zigarette brannte mir die oberste Hautschicht weg. Es schmerzte höllisch und ich musste schreien. Doch niemand hörte mich und so brannten mir meine Peinigerinnen immer wieder Löcher in die Haut.
Als die Schulklingel ertönte, ließen mich die beiden endlich in Ruhe, da nun mit einem großen Ansturm zu rechnen war. Ich knallte mit dem Kopf auf die schmutzigen Kacheln am Boden. Den Geruch von Urin in der Nase. Mir wurde schwarz vor Augen und ich fiel in Ohnmacht. An dieser Stelle hört mein Gedächtnis auf.
Das eingebrannte Wort “UGLY” erinnert mich an diese Qualen. Meine Eltern waren immer auf der Arbeit und so hatten sie diese Verstümmelung meines Körpers noch nicht sehen können. Ich wollte nicht, dass sie sie sehen. Sie hatten schon genug zu tun.
Ich schilderte meinen Freunden im Chat die Geschehnisse. Blankes Entsetzen machte die Runde.
<Avian>: “Du solltest dich endlich wehren. Zeig es dieser abgefuckten Patricia mal so richtig!”
Ich dachte über Avian’s Worte nach und darüber, wie ich mich für all die Übergriffe rächen könnte. Längere Zeit dachte ich in Ruhe nach.
<moonlight_gurl>: “Willst du vergessen?”
Ich musste zwei mal schauen, doch meine Augen täuschten mich nicht.
<KittyCat>: “moonlight, was meinst du damit?”
Es dauerte nicht lange, bis ich ihre Antwort auf dem Display meines Laptops sehen konnte.
<moonlight_gurl>: “Ob du vergessen möchtest? Ich meine die Misshandlungen.”
<KittyCat>: “Hast du eine Idee, wie ich den Schmerz vergessen kann?”
<moonlight_gurl>: “Unten im Salon steht in der Vitrine eine Flasche Whiskey. Trink sie leer!”
Ich bekam Gänsehaut, woher konnte moonlight_gurl das wissen. Mein Vater trank gerne ein Glas teuren Whiskey, um sich von einem anstrengenden Tag zu erholen. Ich selbst hatte noch nie Alkohol getrunken und wollte damit auch nicht anfangen.
<KittyCat>: “Ich trinke keinen Alkohol.”
<moonlight_gurl>: “Wie bitte?”
<Avian>: “Sei keine Spielverderberin!”
Ich hatte die beiden noch nie so erlebt. Ich bekam Angst, zitterte. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich schlafen gehen sollte.
<KittyCat>: “Sorry Leute, ich muss jetzt schlafen gehen”
Normalerweise reagierten meine Freunde sofort, um mir eine gute Nacht zu wünschen, doch selbst nach fünf Minuten, kam keine Nachricht. Ich fuhr meinen Computer herunter und legte mich ins Bett.
Ich lag noch lange wach und dachte über die Worte meiner Freunde nach. Über den Schmerz, den man mir in der Mädchentoilette angetan hatte. In dieser Nacht hatte ich fürchterliche Alpträume.
- KW 21, Dienstag -
Am nächsten Morgen musste ich mich beeilen, da ich verschlafen hatte. Ich hoffte, dass ich noch meinen Schulbus bekommen würde, damit ich pünktlich zum Unterricht kommen würde. Als ich rannte, merkte ich schon früh, dass ich aus der Puste kam. Ich musste an die Worte von Patricia denken, die sie über meine Figur verlor. Ob ich wohl beim Rennen wie ein Schwein aussah, dass vor dem Schlachter flüchten würde?
UGLY.
Ich hörte den ankommenden Bus hinter mir und gab noch einmal alles. Geschafft. Zu meinem Leidwesen war ich nach der Rennerei jedoch total verschwitzt.
“Hey Jessica, willst du endlich mal etwas für deine Figur tun?” Es war Patricia, meine Peinigerin. Sie saß wieder in der Mitte der letzten Reihe im Bus.
Ganz vorne war noch ein freier Platz, wo ich mich hinsetzen konnte. Zum Glück war der Bus nicht allzu voll, denn die Tatsache, dass ich völlig verschwitzt war, war mir sehr unangenehm. Ich wollte es nicht darauf anlegen, auch noch als stinkend bezeichnet zu werden.
Der Bus fuhr jeden morgen durch weite Teile der Stadt und so konnten wir Kinder vom Stadtrand auch einmal die Realität sehen. Mein Vater sagt immer, dass ich froh sein solle, dass wir in dieser Gegend wohnen, denn eigentlich sei diese Stadt ein verdammtes Loch, in dem viele Menschen schon all ihre Hoffnung und Träume aufgegeben haben.
Als wir an einer Ampel hielten sah ich einen Vater mit seinem Sohn. Wahrscheinlich wollte der Kleine zur Grundschule. Die beiden sahen so glücklich und vertraut aus. Ich wünschte, dass meine Eltern so wären. Ich könnte mich ihnen anvertrauen, die Schule wechseln. Doch die Tatsache, dass sie nur wenig Zeit hatten, machte dies unmöglich. Ich wollte den beiden nicht noch mehr zur Last fallen.
Der Bus hielt vor der Schule. Ich wollte aussteigen, als ich auf einmal von hinten einen Stoß spürte. Im nächsten Moment merkte ich, wie mein Gesicht über den kalten Asphalt schliff. Nachdem mich der Schock einen kurzen Moment überwältigt hatte, konnte ich hören, wie meine Mitschüler lachten. Manche spuckten auf mich.
Nach einem Moment gingen sie weiter. Ließen mich dort liegen. Die letzten, die geblieben waren, waren Patricia und Rebecca. Schnell wurde noch ein Foto geschossen, dass noch diesen Mittag auf Dwayne’s Blog landen würde, damit dieses Ereignis ja nicht in Vergessenheit geriet.
Als ich endlich die Kraft hatte, mich vom Boden zu erheben, steuerte ich auf die Mädchentoilette zu, um zu sehen, wie groß der Schaden war. Meine Lippen waren aufgeplatzt und meine Wangen mit Schürfwunden übersät. Ich betete zu Gott, dass er mir die Kraft geben würde, diesen Tag zu überstehen.
Und das tat er dann auch. Gott wollte scheinbar, dass mir all das geschieht, doch er wollte auch, dass ich immer und immer wieder aufstand und weitermachte.
Zwar wurde ich den restlichen Tag über angestarrt aber ansonsten geschah nicht mehr. Nach Schulschluss wollte ich aber doch lieber nach Hause laufen, um eine weitere Begegnung mit Patricia zu vermeiden.
Als ich daheim ankam, sprang ich erst einmal unter die Dusche, um endlich den Geruch von Schweiß loszuwerden, der mir immer noch in der Nase hing. Niemand war Zuhause und ich wollte mir auch keine Pizza machen, da ich wieder die spöttischen Worte über meine Figur hörte. Also ging ich in mein Zimmer, spielte eine Weile Nintendo DS, bevor ich online ging.
friends4ever.com
Es war noch recht früh, so etwa 13:00 Uhr.
<logged_in>
Der Chat war völlig leer, nur eine Person war online. Er war online.
<Star_Archer18>: “Hallo KittyCat, wie war dein Tag?”
Mir wurde wieder so warm.
<KittyCat>: “Hey, naja…”
Ich erinnerte mich, wie ich auf dem kalten Asphalt lag. Einen Moment lang völlig regungslos”
<Star_Archer18>. “Jessica?”
Das konnte nicht sein. Woher kannte er meinen Namen.
Ich hatte seit zwei Wochen immer denselben Nickname verwendet und nie etwas anderes von mir angegeben. Plötzlich musste ich auch an die Geschehnisse von gestern Abend denken. moonlight_gurl wusste auch Dinge, die sie eigentlich nicht hätte wissen können. Wer waren diese Menschen und woher kannten sie mich?
Ich entschloss mich, mehr über meine neuen Freunde herauszufinden und dies konnte ich nur auf einem Wege.
<KittyCat>: “Du, sag mal, wollen wir vier uns nicht mal irgendwo treffen?”
…
…
Längere Zeit geschah einfach gar nichts. Doch dann zeigte mir mein Bildschirm etwas.
<Star_Archer18>: “Warum willst du uns treffen?”
<KittyCat>: “Naja, ich würde euch gerne besser kennenlernen.”
Ich zitterte Star_Archer kam mir auf einmal völlig anders vor.
…
<Star_Archer18>: “Das geht nicht.”
Das Ganze wurde immer merkwürdiger aber ich blieb am Ball.
<KittyCat>: “Aber warum sollte das nicht gehen?”
Die nächste Antwort kam so schnell, dass ich dachte, mein Chat-Partner hätte die Antwort schon vorgefertigt.
<Star_Archer18>: “Du bist keine von uns.”
Mittlerweile bekam ich regelrecht Angst vor dem, was da auf mich wartete. Ich wollte jedoch wissen, warum ich keine von ihnen war.
<KittyCat>: “Wie, ich bin keine von euch?”
<Star_Archer18>: “Du bist fett und hässlich!”
Mir schossen Tränen in die Augen, ich konnte nicht mehr. Ich schloss das Fenster und weinte solange, bis ich vor Erschöpfung einschlief.
…
Mitten in der Nacht stand ich auf. Wie benommen ging ich ins Bad, welches sich gleich neben meinem Zimmer befand. Ich blickte in den Spiegel.
UGLY.
Ich war so fett. Kein Wunder, dass ich von allen gemobbt wurde. Im nächsten Moment tat ich etwas, das mir sehr vertraut vorkam. Ich steckte mir den Finger solange in den Hals, bis ich erbrach. Doch es kam nicht viel. Grün.
Danach fühlte ich mich besser und ging wieder schlafen. Zumindest versuchte ich das. Die Worte von Star_Archer18 schwirrten mir immer wieder im Kopf umher und so wurde es immer später, bis der Schlaf kam.
- KW 21, Mittwoch -
Am nächsten Morgen quälte ich mich aus dem Bett. Den Spiegel im Bad hatte ich kurz nachdem ich mich übergeben hatte, mit einem Handtuch abgedeckt, damit ich am nächsten Tag nicht meinen Anblick ertragen musste.
In meinem Inneren herrschte eine Leere, die ich erst vor Kurzem abgelegt hatte, doch nun schien sie wieder da zu sein. Doch es war schlimmer denn je. Die Menschen, die meine Freunde waren, hatten mir scheinbar nur etwas vorgegaukelt.
Völlig deprimiert ging ich zum Schulbus. An diesem Morgen tummelten sich sehr viele Schüler an der Haltestelle und ich machte mich bereits auf dumme Sprüche gefasst. Einige von ihnen surften mit ihren Smartphones im Internet und blickten auf, als ich näher trat. Es war eindeutig, sie waren auf Dwayne’s Blog und hatten das Bild von mir auf dem Boden gesehen. Vollgerotzt, wie ich dort lag.
Der Bus kam und ich war schon darauf vorbereitet, dass ich stehen müsste. Und so war es dann auch. In der Schule angekommen, verlief alles friedlich und ich war erleichtert, dass ich nicht wieder angegriffen wurde.
Ich kannte es gar nicht mehr, vollkommen friedlich in der Schule zu sitzen.
Als ich dann auf dem Heimweg auf den Schulbus wartete, bemerkte ich, dass Patricia, Rebecca und Dwayne irgendetwas tuschelten. Ich konnte jedoch nicht hören, was sie sprachen. Dann kam der Bus und zu meinem Leidwesen war dieser wieder total überfüllt. Ich stieg als letztes ein, damit ich später leichter aussteigen konnte.
Hinten saßen wieder die üblichen Schüler, welche da wären: Patricia, Rebecca und Dwayne, sowie ein paar ihrer Schergen. Doch ein Platz war leer.
Jemand im Bus spielte Musik von seinem Handy ab. Es war sehr laut auf einmal.
Ich spürte, wie mir jemand etwas stumpfes Gegen den Kopf schlug. Mir wurde schwarz vor Augen.
…
…
Kurze Zeit später öffneten sich meine Augen für einen Moment. Wo war ich? Laute Musik. Es rumpelte. Ich merkte, dass jemand an meinen Haaren war. Meine Augen öffneten sich wieder. Haarsträhnen. Ich fuhr hoch, schrie um Hilfe, doch der Busfahrer konnte mich nicht hören, denn es war zu laut und ich saß in der letzten Reihe. Ich versuchte mich zu wehren, doch ich war zu schwach. Die anderen lachten über mich. Ich sah Blitzlichter. Ich wusste, was das bedeutete.
…
Ich weiß nicht mehr wie ich da raus kam aber ich schlief den restlichen Tag über. Niemand war für mich da. Keine Eltern. Keine Freunde. Niemand konnte mich trösten.
Mein Körper war über Monate hinweg gequält worden. Immer wenn ein paar Hämatome verschwunden waren, kamen neue dazu. Auf meinem Rücken prangerte das Wort “UGLY”, das man mir eingebrannt hatte. Die Haare abgeschnitten. Meine Lippen war aufgeplatzt und eiterten stellenweise. Es tat weh, wenn ich sprechen sollte aber dieser Schmerz war mir fremd, da ich niemanden hatte, mit dem ich sprechen konnte.
- KW 21, Donnerstag -
Irgendwann, mitten in der Nacht stand ich auf. Ein Blick auf meinen Wecker sagte mir, dass es 1:47 Uhr war.
Ich wusste nicht warum aber irgendetwas zog mich an den Computer.
friends4ever.com
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All meine Freunde waren online und sie schienen über etwas zu sprechen. Über mich zu sprechen.
<moonlight_gurl>: “Ah, da bist du ja.”
<KittyCat>: “Über was habt ihr gesprochen?”
<Avian>: “Wir haben darüber gesprochen, dass du endlich soweit bist.”
<KittyCat>: “Bereit wofür?”
<Star_Archer18>: “Na, für unser Treffen.”
Ich war noch zu müde und deshalb verstand ich nicht auf Anhieb, was man mir im Chat sagte.
<Star_Archer18>: “Es ist nicht nur irgendein Treffen, nein, wir werden für immer zusammen sein. Du musst nur noch etwas machen.”
Ein Gefühl von Freude ließ mich die Schmerzen des letzten Übergriffs vergessen.
<KittyCat>: “Was soll ich machen, sagt schon?!”
Ich fühlte mich so lebendig wie lange nicht mehr. Endlich würde ich meine Freunde treffen können. Meine echten Freunde.
<moonlight_gurl>: “Du musst nur ins Bad gehen und eine Rasierklinge deines Vaters holen.”
Ich wandelte wie in Trance ins Badezimmer, holte eine Rasierklinge und wartete vor dem Computer auf weitere Anweisungen.
Ich hätte in diesem Moment alles getan, was man mir befohlen hätte. Und dies tat ich auch.
…
…
…
+++ BREAKING NEWS+++
Heute morgen fand man die Leiche eines 16-jährigen Mädchens vor ihrem Computer. Den Eltern, die die Leiche fanden, bot sich ein Bild des Grauens. Das Mädchen hatte sich die Pulsadern mit einer Rasierklinge aufgeschlitzt und war daraufhin verblutet.
Auf dem Bildschirm des Computers hatte sich ein Bild mit dem Schriftzug “Welcome Home” eingebrannt. Die Festplatte wurde währenddessen als wichtiges Beweisstück untersucht und weist einige Rätsel auf.
Das Opfer hatte in den letzten zwei Wochen nahezu täglich eine Internetseite namens friends4never.com aufgerufen, welche offenbar gar nicht existiert. Warum das Mädchen dies tat, ist derzeit noch nicht bekannt.
Der Körper des Opfers war fürchterlich entstellt und eine Obduktion ergab, dass das Mädchen zum Zeitpunkt ihres Todes bei einer Größe von 1.68m nur noch 29kg wog. Außerdem wurden etliche Hämatome sowie ein eingebrannter Schriftzug festgestellt.
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Mein Name ist Julian, ich bin 16 Jahre alt und seit circa zwei Wochen chatte ich täglich mit coolen Leuten, die ich gerne einmal treffen würde.
<KittyCat>: “Hey Julian, wie geht es dir?”
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9:06:00 @ 12/8/2012

